Eine neue Pflicht, ein neuer SaaS-Markt — und warum bei mir eine Textdatei genügt
Jahrgang 2025
Der Jahrgang 2025 ist gefüllt: Der Wein liegt in der Flasche, die Etiketten folgen. Für mich als Hobbywinzer ist das einer der schönsten Momente im Jahr. In diesem Jahr ist es außerdem der erste, in dem eine Flasche meines Weins etwas tragen wird, das bis vor Kurzem noch niemand verlangt hat: Nährwerte und ein vollständiges Zutatenverzeichnis.
Seit Dezember 2023 gelten für Wein dieselben Kennzeichnungsregeln wie für jedes andere Lebensmittel. Energiewert und Allergene müssen unmittelbar aufs Etikett. Der Rest, also die komplette Zutatenliste und die detaillierten Nährwerte, darf digital bereitgestellt werden, über einen QR-Code auf der Flasche. Für den Jahrgang 2025 ist das bei mir keine Theorie mehr: Die Etiketten sind in Arbeit, die Seiten dahinter stehen bereits.
Interessant wurde es für mich nicht als Winzer, sondern an der Stelle, an der die meisten reflexhaft dasselbe tun.
Für jedes Problem sofort ein Produkt
Kaum war die Pflicht da, stand der Markt. Es gibt heute ein gutes Dutzend Anbieter, die dir ein „E-Label“ verkaufen. Man trägt die Werte ins Formular ein und bekommt eine fertige Seite und einen QR-Code zurück. Bezahlt wird pro Wein oder pro Jahr. Das ist sauber gemacht und schnell startklar, und für viele ist es die naheliegende Antwort.
Mich hat dabei dasselbe gestört wie bei so vielen Software-Entscheidungen im Mittelstand: Man mietet dauerhaft einen Dienst für ein Problem, das im Kern trivial ist. Eine Nährwertseite ändert sich nie. Sie soll eine Handvoll Zahlen zeigen, ohne Werbung und ohne Tracking. Tracking verbietet die Verordnung sogar ausdrücklich. Das ist keine Anwendung. Das ist eine Seite, die stillsteht.
Für etwas, das sich nie ändert, ein laufendes Abo zu unterschreiben, ist die teuerste Art, ein gelöstes Problem zu behandeln.
Dazu kommt ein Punkt, der bei mir nie verhandelbar ist: Die gedruckte Flasche überlebt jeden Anbieter. Ein QR-Code, der heute auf die Plattform eines Start-ups zeigt, gilt genau so lange, wie es dieses Start-up gibt. Meine Flaschen sollen in fünf Jahren noch auflösen, und nicht nur so lange, wie ein fremder Dienst seine Preisliste hält.
Was tatsächlich nötig war
Also habe ich es so gebaut, wie ich Dinge baue, die bleiben sollen: eine statische Seite pro Wein und Jahrgang, auf meiner eigenen Infrastruktur, unter meiner eigenen Domain. Es gibt kein CMS, keinen Server, den ich pflegen muss, und keine Datenbank, die ausfallen kann. Eine Datei zeigt die Werte aus der Weinanalyse, und den QR-Code erzeugt man einmal dagegen. Das war es. Die Adresse bestimme ich selbst, sie bricht nicht, und es fließen keine Daten an Dritte.
Der Aufwand, den alle scheuen, steckt ohnehin nicht in der Technik. Er steckt in der einen Zahl, die niemand automatisieren kann: dem Brennwert. Den rechnet man aus Alkohol, Restzucker, Glycerin und Säure. Wer es genau nimmt, nutzt den amtlichen Rechner des eigenen Weinbauinstituts, damit die Zahl auf dem Etikett und die Zahl der Behörde deckungsgleich sind. Das ist Sorgfalt, keine Software. Die Seite drumherum ist die kleinste Zutat der ganzen Übung.
Warum das über Wein hinausgeht
Ich erzähle das nicht, weil mein Spätburgunder und mein Kerner besonders gut geworden sind, obwohl sie das sind. Ich erzähle es, weil sich in dieser Miniatur die Entscheidung wiederholt, die Unternehmen jede Woche treffen. Eine neue Anforderung kommt herein, und die erste Frage ist „Welches Tool kaufen wir dafür?“ statt „Was ist hier eigentlich das Problem?“.
Oft ist die ehrliche Antwort auf die zweite Frage kleiner, als der entstandene Markt einem weismachen will. Das gilt nicht immer. Manches gehört an einen spezialisierten Anbieter, und dann kauft man ihn mit gutem Grund. Aber die Fähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden, ist der eigentliche Wert. Wer versteht, woraus eine Anforderung besteht, erkennt, wann die schlanke Eigenlösung reicht. So behält er Kontrolle, Kosten und die eigenen Daten dort, wo sie hingehören.
Bei meinem Wein heißt diese Entscheidung: ein QR-Code auf der Flasche, dahinter eine Seite, die mir gehört. Sobald die Etiketten auf den Flaschen sind, scannt man ihn direkt dort. Die Angaben zu beiden Weinen des Jahrgangs stehen schon jetzt unter etikett.kopps-shop.de.
So bleibt am Ende beides in meiner Hand: die Seite, die vom Wein erzählt, und der Wein selbst. Was in ihm steckt, lässt sich jetzt nachlesen, wie er schmeckt, dagegen nicht. Der Spätburgunder ist durch klassische Maischegärung außergewöhnlich dunkel, der Kerner sehr fruchtig, und beide lassen etwas Außergewöhnliches erwarten. Das fasst kein QR-Code. Dafür muss man die Flasche öffnen: perfekt für viele schöne Stunden.
Gerd Kopp ist Wirtschaftsinformatiker, war über 14 Jahre CIO, zuletzt Head of Corporate Operations, und ist seit 2020 selbstständig als Interim Manager und IT-Berater. Er arbeitet mit Unternehmen von klein bis Mittelstand, die Wachstum, Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation nicht dem Zufall überlassen wollen — und die verstanden haben, dass die richtigen Prozesse, Strukturen, Technologien und der gezielte Einsatz von KI dabei keine Nebensache sind, sondern der Unterschied. Mehr unter gerds-it.de und im Innovation Lab.
Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Konzept, Architektur und die zugrunde liegende Praxis stammen aus meinem eigenen Stack — die KI war Werkzeug, nicht Autor.