The Gambler - Veränderungen
Was Veränderungsprozesse von einem alten Song lernen können
Veränderung wird oft wie ein Projekt behandelt:
Ziel definieren, Maßnahmen planen, umsetzen, abhaken.
In der Praxis fühlt sie sich selten so linear an. Veränderung ist unübersichtlich, emotional, widersprüchlich. Alte Gewissheiten tragen nicht mehr, neue sind noch nicht belastbar. Genau in diesem Zwischenraum entstehen die schwierigsten Entscheidungen.
Ein unerwartet treffendes Bild dafür liefert der Song The Gambler.
Auf den ersten Blick geht es um Glücksspiel. Tatsächlich geht es um Lebens- und Entscheidungsweisheit – und damit erstaunlich präzise um das, was Veränderungsprozesse im Kern ausmacht.
Veränderung ist kein permanentes Vorwärts
Eine der bekanntesten Zeilen des Liedes lautet:
You gotta know when to hold ’em,
know when to fold ’em,
know when to walk away,
and know when to run.
Übertragen auf Organisationen bedeutet das:
Nicht jede Veränderung heißt, alles neu zu machen.
- Know when to hold ’em
Nicht alles Bewährte ist überholt. Manche Strukturen, Werte oder Kompetenzen sind tragfähig – gerade in unsicheren Zeiten. - Know when to fold ’em
Initiativen, die keinen Mehrwert mehr schaffen, dürfen beendet werden. Auch dann, wenn bereits viel Zeit, Geld oder Prestige investiert wurde. - Know when to walk away
Nicht jeder Konflikt muss eskalieren, nicht jede Diskussion gewonnen werden. Manchmal ist Abstand die Voraussetzung für Klarheit. - Know when to run
Es gibt Situationen, in denen ein schneller, entschlossener Kurswechsel nötig ist – bevor Schaden entsteht.
Veränderung scheitert selten am Mangel an Ideen.
Sie scheitert häufiger daran, dass Organisationen zu lange festhalten – oder zu unreflektiert loslassen.
Erfahrung schlägt Methode
Der „Gambler“ im Lied ist kein Held. Er gewinnt kein Geld, baut kein Imperium auf. Seine Stärke liegt woanders: in Erfahrung.
Er weiß, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat.
Und dass es Situationen gibt, in denen es keine perfekte Option gibt – nur eine verantwortbare.
Genau das ist auch in Veränderungsprozessen entscheidend:
- Nicht jede Transformation führt zu Wachstum.
- Nicht jede Innovation zahlt sich aus.
- Nicht jeder Widerstand ist ein Hindernis – oft ist er ein Signal.
Erfahrene Veränderungsarbeit erkennt diese Signale. Sie arbeitet nicht gegen Menschen, sondern mit ihnen. Sie ersetzt Aktionismus durch Urteilskraft.
Loslassen ist Teil von Verantwortung
Ein häufiger Denkfehler in Transformationen lautet:
„Wenn wir einmal gestartet sind, müssen wir es durchziehen.“
Das Gegenteil ist oft richtig.
Verantwortung zeigt sich nicht im starren Festhalten an Entscheidungen,
sondern in der Fähigkeit, sie zu korrigieren, wenn sich Rahmenbedingungen ändern.
Loslassen ist kein Scheitern.
Loslassen ist eine Form von Reife.
Die eigentliche Frage in Veränderungsprozessen
Am Ende stellt sich selten die Frage:
Wie verändern wir alles?
Sondern vielmehr:
- Was bewahren wir bewusst?
- Was beenden wir konsequent?
- Und wo braucht es Mut zur Klarheit – nicht zur Lautstärke?
Veränderung ist kein Glücksspiel.
Aber sie verlangt dieselbe Fähigkeit wie ein gutes Spiel:
Timing, Selbstkontrolle und den Mut, im richtigen Moment die Karten neu zu mischen.
Organisationsentwicklung braucht Führung – nicht nur Konzepte
Veränderungsprozesse werden oft methodisch überfrachtet. Frameworks, Roadmaps und Meilensteine suggerieren Kontrolle. Doch Organisationen verändern sich nicht, weil ein Plan existiert – sondern weil Führung Orientierung gibt, wenn Unsicherheit entsteht.
Gerade in Transformationsphasen schauen Mitarbeitende weniger auf Präsentationen und mehr auf Verhalten:
- Wie konsequent wird entschieden?
- Wie wird mit Zweifeln umgegangen?
- Was passiert, wenn ein eingeschlagener Weg nicht funktioniert?
Hier zeigt sich Führung nicht im „Weitermachen um jeden Preis“, sondern im bewussten Abwägen – genau das, was der Song The Gambler beschreibt.
Führung heißt: den Moment erkennen
Gute Führungskräfte in Veränderungsprozessen beherrschen vier Fähigkeiten:
- Stabilisieren, wenn Organisationen Halt brauchen
- Beenden, wenn Maßnahmen ihre Wirkung verloren haben
- Distanz schaffen, wenn Dynamiken eskalieren
- Entschlossen handeln, wenn Zögern schadet
Diese Fähigkeiten lassen sich nicht delegieren und nicht vollständig standardisieren. Sie entstehen aus Erfahrung, Reflexion und der Bereitschaft, Verantwortung auch für unbequeme Entscheidungen zu übernehmen.
Organisationsentwicklung ist kein Selbstzweck
Ein häufiger Fehler in der Organisationsentwicklung ist die Annahme, dass Veränderung an sich ein Wert sei. Das ist sie nicht.
Veränderung ist nur dann sinnvoll, wenn sie:
- Orientierung schafft
- Handlungsfähigkeit erhöht
- Zusammenarbeit verbessert
- und langfristig Vertrauen stärkt
Alles andere ist Beschäftigungstherapie.
Fazit: Reife zeigt sich im Umgang mit Entscheidungen
Organisationen wachsen nicht durch permanente Bewegung, sondern durch kluge Entscheidungen zur richtigen Zeit. Führung zeigt sich dort, wo nicht nur neue Karten verteilt werden – sondern wo jemand den Mut hat, ein Spiel zu beenden oder neu zu beginnen.
Oder anders gesagt:
Nicht jede Karte ist eine Stärkung.
Und nicht jede Veränderung ein Fortschritt.
Gerd Kopp - gerd@gerds-it.de - Februar 2026