🎵I did it my way – mein Weg entsteht, weil ich ihn gehe
Irgendwann stellt jeder Mensch sich die Frage – bewusst oder nicht:
Was ist eigentlich der Buchtitel meines Lebens? Nicht was ich erreicht habe. Nicht welchen Titel ich trage. Sondern was bleibt, wenn man alles Äußere wegdenkt. Die Frage nach dem Sinn, nach der Haltung, nach dem, wofür man wirklich steht.
Nicht dein Jobtitel. Nicht dein LinkedIn-Headline. Sondern die Überschrift, unter der dein Leben steht – als bewusste Entscheidung, nicht als Rückblick. Die Essenz deiner Haltung, deiner Werte, deines Weges. Der innere Kompass, an dem du dich orientierst, wenn es schwierig wird.
Ich habe lange darĂĽber nachgedacht. Und irgendwann war er da:
✨ „Mein Weg entsteht, weil ich ihn gehe. Ich halte Wort und bin da, wenn es darauf ankommt."
Der erste Satz beschreibt meine Haltung: Ich warte nicht darauf, dass Wege erscheinen – ich erschaffe sie. Der zweite beschreibt meinen Charakter: Wenn ich etwas sage, gilt es. Wenn jemand mich braucht, bin ich da – nicht auf eine weiche, gefällige Art, sondern auf eine verlässliche, standfeste.
Diese Kombination aus Eigenständigkeit und Verbindlichkeit ist nicht selbstverständlich. In einer Zeit, in der alles optimiert, geglättet und auf Konsens getrimmt wird, klingt beides fast altmodisch. Frank Sinatra hätte es wohl anders formuliert: „I did it my way." Und Antonio Machado, der spanische Dichter, schrieb 1917 den Satz, der meinen Titel trägt: „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar" – der Weg entsteht, indem man geht.
Drei Stimmen, eine Wahrheit. Eine, die unsere Zeit partout nicht hören will.
🪞 Die glatte Zeit
Wir leben in einer außerordentlich geschliffenen Epoche. Karrierewege werden optimiert. LinkedIn-Profile nach Algorithmus-Logik gebaut. Meinungen im Vorfeld auf Konsensverträglichkeit geprüft. Wer zu laut „Ich mache das anders" sagt, riskiert den Shitstorm, die schlechte Glassdoor-Bewertung oder schlicht das Stirnrunzeln im nächsten All-Hands-Meeting.
Die KI befeuert das noch: Texte klingen zunehmend gleich, weil alle dasselbe Sprachmodell füttern. Strategiepapiere ähneln sich, weil ChatGPT eben ChatGPT ist – egal ob das Dokument in München, Mailand oder Minneapolis entsteht. Selbst kreative Arbeit trägt inzwischen den Fingerabdruck des Durchschnitts. Optimiert, geglättet, risikoarm.
Das ist kein Vorwurf an die Technologie. Es ist eine Beobachtung ĂĽber uns: Wir lassen es zu. đź‘€
đź’¸ Der Preis des Mittelwegs
In Unternehmen nennt man es heute psychologische Sicherheit, wenn jeder seine Meinung sagen kann. Das ist richtig und wichtig. Aber aus psychologischer Sicherheit ist in vielen Organisationen eine Art höfliche Lähmung geworden:
Alle dĂĽrfen reden, aber niemand entscheidet mehr wirklich. Konsens als Selbstzweck. Der kleinste gemeinsame Nenner als Kompass.
Führungskräfte, die früher sagten „Ich habe das analysiert, ich trage die Verantwortung, wir machen das so", gelten heute schnell als autoritär. Der mutige Einzelentscheider ist aus der Mode. Servant Leadership ist das Gebot der Stunde – und es hat seinen Wert, keine Frage. Aber wer dient, wenn alle nur noch dienen?
Ich erinnere mich an Situationen aus meiner Zeit als CIO, in denen genau diese Frage entscheidend war:
nicht was der Konsens ergab, sondern was ich fĂĽr richtig hielt – und bereit war, dafĂĽr einzustehen. Manchmal war das unbequem. Manchmal lag ich falsch. Aber der Weg entstand. Er entstand, weil ich ihn ging. đź§
🎤 Sinatra hatte recht – und unrecht
„Regrets, I've had a few / But then again, too few to mention."
Dieser Satz aus „My Way" klingt nach Arroganz. Und ja, der narzisstische Alleinentscheider, der auf niemanden hört und seine Fehler nicht sieht – den braucht kein Unternehmen, keine Gesellschaft. Der Typ ist nicht gemeint.
Gemeint ist etwas anderes: die Fähigkeit, trotz Gegenwind, trotz Algorithmus-Druck, trotz gut gemeinter Ratgeber und trotz der ewigen Angst vor dem falschen Tweet – einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und ihn zu vertreten. Nicht aus Sturheit. Sondern aus Überzeugung, die man sich erarbeitet hat.
Das ist kein Rückfall in heroisches Einzelkämpfertum. Es ist Integrität. Und Integrität ist in einer Zeit, in der jede Position binnen 48 Stunden auf Social Media zerpflückt werden kann, ein echtes Gut – selten und wertvoll. 💎
🗺️ Der Weg und die Karte
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen jemandem, der einen Weg folgt, und jemandem, der einen Weg erfindet. Wer einer Karte folgt, kommt ans Ziel – sofern die Karte stimmt. Wer seinen Weg erfindet, hat keine Karte. Nur Orientierung, Erfahrung, Urteilsvermögen.
Genau das wird in den nächsten Jahren zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil – für Einzelpersonen wie für Organisationen. Nicht die Fähigkeit, vorhandene Best Practices anzuwenden. Die hat bald jede KI besser als jeder Mensch. Sondern die Fähigkeit, in Situationen zu navigieren, für die es keine Karte gibt. Die Fähigkeit, etwas zu tun, das noch niemand gemacht hat – und dazu zu stehen.
Machados Weg entsteht beim Gehen. Nicht vorher. Nicht in der Theorie. Nicht im Strategieworkshop. 👣
đźš¶ Wer ausgetretene Pfade geht, landet wo alle anderen auch sind
Es gibt einen Satz, der sich mir eingraviert hat:
Wer den Weg geht, den andere schon gegangen sind, kommt nur dort hin, wo die anderen schon sind.
Klingt banal. Ist es nicht.
Denn genau das ist das Versprechen der meisten Unternehmensberatung, der meisten MBA-Programme, der meisten Benchmarking-Studien: Schau, was die Besten machen. Kopiere es. Werde besser.
Das Problem: Wenn du kopierst, was die Besten gestern gemacht haben, bist du bestenfalls Zweiter – und das in einer Welt, die sich schneller dreht als je zuvor.
Best Practices sind per Definition Vergangenheit. Sie beschreiben, was unter bestimmten Bedingungen, in bestimmten Märkten, mit bestimmten Menschen funktioniert hat.
Wer sie blind übernimmt, kauft eine Karte für eine Landschaft, die sich verändert hat. 🌍
Das gilt für Technologie. Es gilt für Geschäftsmodelle. Und es gilt für Karrierewege. Die Generation, die brav dem vorgezeichneten Pfad folgte – Ausbildung, Konzern, Karriereleiter – erlebt gerade, wie dieser Pfad unter ihren Füßen wegbricht. KI rationalisiert Mittelmanagement. Strukturen lösen sich auf. Wer sich nur auf die Karte verlassen hat, steht plötzlich im Gelände ohne Orientierung.
Wer hingegen gelernt hat, ohne Karte zu navigieren – eigene Erfahrung, eigenes Urteil, eigene Richtung – der ist vorbereitet. Nicht weil er alles richtig macht. Sondern weil er weiß, wie man einen Weg erfindet. 🔦
đź’ˇ Was das konkret bedeutet
Ich erlebe in meiner Beratungsarbeit regelmäßig, wie Unternehmen bei der KI-Einführung zwischen zwei Extremen pendeln: Die einen preschen vor – ohne Governance, ohne Risikoanalyse, ohne zu fragen, was der EU AI Act eigentlich von ihnen verlangt. Die anderen warten ab, bis alle Fragen geklärt sind – was bedeutet: Sie warten ewig.
Beides ist kein eigener Weg. Das erste ist Leichtsinn, das zweite Lähmung.
Ein eigener Weg in diesem Kontext bedeutet: die eigene Risikobereitschaft kennen, die eigene Organisation verstehen, eine informierte Entscheidung treffen – und diese Entscheidung dann auch durchziehen. Das setzt voraus, dass jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Nicht die KI. Nicht die Unternehmensberatung. Nicht der Algorithmus.
Du. 🫵
🔥 Ein Aufruf, kein Ratgeber
Dieser Text ist kein How-to. Ich gebe keine fünf Tipps für mehr Eigensinn. Das wäre absurd.
Es ist ein Aufruf, sich zu fragen:
Wann habe ich zuletzt etwas getan, das wirklich meiner Überzeugung entsprach – und nicht dem, was erwartet wurde? Wann habe ich einen Weg eingeschlagen, obwohl die Karte ihn nicht zeigte?
Die glatte, reibungsarme, konsensoptimierte Zeit braucht keine weiteren Menschen, die gut im Folgen sind. Sie braucht Menschen, die ihren Weg gehen – nicht weil er vorgegeben ist, sondern weil sie ihn gehen.
„Se hace camino al andar."
Der Weg entsteht. Weil du gehst. 👣
Gerd Kopp, Gründer von gerds-it.de und Betreiber des Blogs gerds-blog.de, steht für Veränderung mit Wirkung – für Menschen und Unternehmen gleichermaßen.
Er führt Organisationen durch Transformation, indem er Orientierung gibt, Richtung hält und Umsetzung möglich macht – damit Wandel nicht nur stattfindet, sondern wirklich gelingt.
- Antonio Machado (1875–1939) – Spanischer Lyriker und einer der bedeutendsten Vertreter der „Generación del 98". Sein bekanntestes Gedicht „Caminante" aus dem Werk Campos de Castilla (1917) enthält den Vers „se hace camino al andar" – der Weg entsteht, indem man geht. ↩
- Glassdoor – Amerikanische Bewertungsplattform, auf der Mitarbeiter und ehemalige Angestellte Arbeitgeber anonym bewerten. Unternehmen sind zunehmend darauf angewiesen, hier gut dazustehen – mit entsprechendem Einfluss auf interne Entscheidungskultur. ↩
- Servant Leadership – Führungskonzept, geprägt von Robert K. Greenleaf (1970), bei dem die Führungskraft primär als Diener ihres Teams versteht. Ziel ist es, Mitarbeitende zu befähigen statt zu kontrollieren – heute ein zentrales Leitbild moderner Unternehmensführung. ↩